Gegen die „regsame Selbsterblindung“

Nützliches Standardwerk zu dem wichtigen Thema: „arm und reich“

Werner Rügemer, renommierter Publizist und Aufdecker, fasst in seinem neuen Buch „arm und reich“ zusammen, wie Vermögensbildung und Wirtschaftskriminalität den Geldfluss bestimmen. Gerade für junge Journalisten liest sich das wie eine Anleitung, unerbittlich die richtigen Fragen zu stellen.

Nur im Märchen sind die Guten immer schön und immer reich, jedenfalls am Ende. Wie es in Wirklichkeit mit der Verteilung der weltlichen Güter aussieht und welche Mechanismen sie steuern, lässt sich nun auf 50 hervorragend recherchierten Seiten nachlesen in der Standard-Fibel: „arm und reich“ von Werner Rügemer. Das Buch besticht mit der kompromisslosen Beantwortung dieser Frage. Wir Journalisten können bei der Lektüre zweifelsohne Vieles lernen – und gerade jungen Leuten wird hier ein Instrumentarium zur Enttarnung der vornehmen Lügen von PR-Abteilungen großer Konzerne in die Hand gegeben.

Werner Rügemer, Jahrgang 1941, ist ein Meister seiner Zunft. Als Zivilisationskritiker widmete er sich zunächst geisteswissenschaftlichen Themen, bevor er zum Wirtschaftsjournalisten wurde. So gab er 1991 den provozierenden Titel „In der deutschen Bildungs-Spirale“ heraus – eine frühe Prophetie des PISA-Desasters. Und schon 1986 schrieb er den leider vergriffenen Band „Der kranke Weltpolizist. Das Innenleben der USA als Gefahr für den ‚Rest der Welt'“. Zum Kölner Müll-Skandal publizierte Rügemer bereits 1994, also lange, bevor das Thema in den großen Medien Furore machte. 1999 outete er die Schweizer Banken als großzügige Helfershelfer bei krummen Geschäften – nicht umsonst ist Rügemer Mitglied bei „Transparency International“ und „Business Crime Control“.

In „arm und reich“ subsummiert er nun seine Erfahrungen, angereichert mit Zahlen und Fakten aus dem globalen Geldfluss. Anlass ist die immer breiter werdende Kluft zwischen Armut und Reichtum – und ihre die Verhältnisse beschönigende Vertuschung.

Während also Kapital weiterhin Kapital gebären darf, ziehen sich die Schlingen an den Hälsen relativ Armer immer enger zu. In den offiziellen Statistiken wird dabei die Anzahl der Armen und auch die der Reichen „künstlich kleingerechnet“, wie Rügemer belegt: Wir sind schon eine jämmerliche Gesellschaft von Heuchlern. Dass auch Prozesse wie der der Demokratisierung davon abhängen, macht den Ärger nicht kleiner: Korruption und Wirtschaftskriminalität bereiten sich selbst ihren Nährboden. Dabei wird deutlich, dass das A und O der Korruption noch immer im Beamtentum zu suchen ist. Hier wird oft genug entschieden, dass Verfahren gegen „große Tiere“ und Günstlinge der Macht frühzeitig eingestellt werden, während kleine Fische zu Sündenböcken abgestempelt werden. Schlüssige Beispiele hat Rügemer genügend auf Lager.

Dass eine „regsame Selbsterblindung“, wie Rügemer feinsinnig formuliert, die ach-so-faire Weltgesellschaft ergriffen hat, zeigt sich aber auch in den Illusionen, mit denen die Reichsten und Reichen die Ärmeren und Armen befrieden wollen. Journalisten sind daran nicht immer unschuldig – und deshalb arbeitet Rügemer aktuell an einem Buch über shareholder-value-Journalismus, Arbeitstitel: „Lügen für den Reichtum“. Für Hinweise und Tipps aus dem Kollegenkreis ist er offen. Näheres ist unter www.ruegemer.de zu finden.

Werner Rügemer: „arm und reich“,
transcript Verlag, Bielefeld 2002, 50 Seiten, 7,60 Euro.

 

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